Royal Air Force Museum London

- Das Museum der RAF im Bezirk Hendon -

Das größte militärische Forschungsprojekt des Dritten Reiches war die Entwicklung einer Fernrakete in Peenemünde. Sie trug die Bezeichnung Aggregat A4, wurde aber unter dem Propagandanamen V2 (Vergeltungswaffe 2) bekannt. Mit der V2 schufen die Entwickler die konstruktiven Grundlagen der ballistischen Flüssigkeits-Rakete.

Entwickelt wurde das Aggregat 4 von einer Gruppe von Wissenschaftlern und Ingenieuren um Wernher von Braun, dem Technischen Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Insel Usedom. Die A4-Rakete wurde erstmals im März 1942 getestet, aber erst am 3. Oktober gelang ein erfolgreicher Start. Sie erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von fast Mach 5 und eine Gipfelhöhe von 84,5 km. Damit erreichte sie als erster Flugkörper die Grenze zum Weltraum. Die A4-Rakete war 14 m hoch und hatte eine Masse von 13,5 Tonnen. Der Rumpf bestand aus Spanten und Stringern, die mit dünnem Stahlblech beplankt waren. In der Bugspitze befand sich als Nutzlast der Sprengstoff, dahinter Iagen die Steuerungsanlage und zwei Treibstoffbehälter. Die Triebwerksanlage mit der Schubdüse bildete das Heck des Flugkörpers. Die Triebwerke des Aggregats A4 verbrannten etwa 60 Sekunden lang reinen Flüssigsauerstoff mit einem Gemisch aus 75 Prozent Athylalkohol und 25 Prozent Wasser. Eine speziell entwickelte Turbopumpe förderte den flüssigen Sauerstoff bei einer Temperatur von 183 Grad unter Null in die Brennkammer, wo es zur explosionsartigen Reaktion kam. Das beschleunigte die Rakete auf etwa fünffache Schallgeschwindigkeit. Als erster Flugkörper erreichte sie die Stratosphäre. Die Steuerung bestand aus 4 Strahlruder aus Graphit direkt im Gasstrom und die vier Leitwerke sorgten für die Stabilisierung im Flug. Sie wurden über Servomotoren bewegt, welche ihre Steuerinformationen von den zwei Gyroskopen in der Raketenmitte erhielten. Ein Kreisel war für die Querruder-Achse und der andere für die Seiten- und Höhenruder-Achse zuständig. Wenn die Rakete vom eingestellten Kurs abwich, wurde das von den Gyroskopen registriert und die Servomotoren der Strahlruder und Leitwerke zur Korrektur des Kurses angesteuert. Die beim Start eingestellte Zeitschaltuhr sorgte dafür, dass der Neigungswinkel über dem Ziel verändert wurde und die Rakete darauf abkippte.

Amatol-Sprengstoff: Amatol ist ein militärischer Sprengstoff, der hauptsächlich im 1. und 2. Weltkrieg verwendet wurde. Der deutsche Tarnname war "Füllpulver". Es ist eine kriegsbedingte Streckung des teuren TNTs mit preiswertem Ammoniumnitrat, eine Kunstdünger-Komponente. Die Mischung Amatol hat eine nur geringfügig schlechtere Wirkung als TNT. Amatol wurde bei allen größeren Bombenladungen eingesetzt, wie Luftmine, Fieseler Fi 103 (V1), A4 (V2 Rakete) usw. Amatol war einer der ersten militärischen Sprengstoffe, die weitgehend unempfindlich gegen Stoß, Wärme und Kälte waren. Zudem war Amatol relativ leicht zu handhaben und gut zu portionieren. Das Gemisch ist daher als Sicherheitssprengstoff bekannt.

Gegen die A4-Rakete gab es keine Abwehrmöglichkeit. Sie stürzte mit hoher Geschwindigkeit und unhörbar annähernd senkrecht auf das Ziel. Aufgrund der begrenzten Sprengstoffladung von maximal einer Tonne, der Reichweite von nur etwa 300 Kilometern und der relativ niedrigen Zielgenauigkeit war sie aber von geringer militärischer Bedeutung.

Aggregat 4 - V2 Rakete

Die Serienproduktion der Fernrakete A4:
 

Die Einsatzreife des Aggregats 4 fiel in die Zeit des militärischen Niedergangs des Dritten Reiches. Deshalb wurde das Aggregat A4 als kriegsentscheidende Waffe gesehen und sollte als Vergeltungswaffe 2 (= V2) in großen Stückzahlen produziert werden. Hierzu wurden unterirdische Fertigungsstätten angelegt und KZ-Häftlinge eingesetzt. Trotz aller Anstrengungen und unzähliger sinnloser Opfer brachte die V2 keine militärische Wende.

Als das Heer vor Kriegsbeginn die Serienfertigung des A4 projektierte, rechnete es mit einem Jahresausstoß von 1.500 Stück. Als Hitler später den Masseneinsatz verlangte, vervielfacht sich die Planungsvorgabe.

Da deutsche Arbeitskräfte bereits sehr knapp waren und die Produktion geheim bleiben sollte, beschloss die Leitung der Heeresversuchsanstalt 1943 den Einsatz von KZ-Häftlingen und die Beteiligung der Industrie als Zulieferer. Ein britischer Angriff auf Peenemünde am 17./18. August 1943 führte zudem zu der Entscheidung, die Serienfertigung in bombensichere, unterirdische Anlagen zu verlegen. In nur vier Monaten mussten KZ-Häftlinge ein vorhandenes Stollensystem im Kohnstein bei Nordhausen im Harz ausbauen. Ende 1943 verließen die ersten Raketen die Neuenahr, die Mittelwerk GmbH. Unmenschliche Arbeitsbedingungen, Krankheiten und mangelhafte Ernährung forderten unter den Häftlingen, die anfangs in den Stollen untergebracht waren, in den ersten sieben Monaten etwa 6.000 Opfer. Das Mittelwerk unterstand nicht mehr dem Heer, sondern war reichseigener Betrieb. Die Fertigungskontrolle lag in Peenemünde. Der Einfluss der SS nahm stetig zu. Mit der Errichtung des KZ Mittelbau außerhalb der Stollen stabilisierte sich ab Frühjahr 1944 die Situation für die etwa 11.000 Insassen, deren Hauptanteil Russen, Polen und Franzosen stellten. Ab Sommer 1944 wurden auch Juden zur Arbeit herangezogen. Zu Beginn des letzten Kriegsjahres stiegen die Sterbefälle dramatisch an. Vernichtung durch Arbeit, der Terror der SS-Wachmannschaften und in den letzten Tagen des Krieges durchgeführte Massaker am im KZ Mittelbau und seinen Außenlagern insgesamt mehr als 20.000 Todesopfer gefordert. Das Mittelwerk produzierte 5.975 A4 Raketen. Bis zum Sommer 1944 wurden alle Raketen für die Lösung technischer Probleme verbraucht. Erst die danach produzierten Raketen waren militärisch einsetzbar.

V2-Rakete - Aggregat 4

Der Einsatz der Fernrakete A4:

Die Hoffnung in die "Wunderwaffe" A4 bzw. V2 erfüllte sich in keiner Weise. Die Entwicklung der Rakete war das wohl verschwenderischste Projekt des Zweiten Weltkriegs. Seine Bilanz – 5.000 gegnerische Opfer bei 3.200 Abschlüssen – kann vom militärischen Standpunkt nur als gering bezeichnet werden.

Parallel zur weiteren Erprobung des A4 begann in Peenemünde die Planung des Einsatzes: Bunkerstellungen und mobile Bodengeräte mussten entworfen, Strategien für den Abschuss entwickelt und der Nachschub organisiert werden. Schließlich waren die Bedienungsmannschaften aufzustellen und auszubilden. Während die Raketenfachleute einen Einsatz mobiler Stellungen befürworteten, wünschte Hitler die Anlage verbunkerter Stellungen. Beide Wege wurden verfolgt.

Als die Fernrakete A4 im Sommer 1944 zum Einsatz gelangte, zeigte sich schnell, dass die militärische Wirkung der Waffe gering war. Eine Rakete konnte eine Sprengladung von rund 1 Tonne befördern, 6 Tonnen waren es beim englischen Standardbomber Avro Lancester. Die Reichweite war mit rund 300 km recht gering, die Treffgenauigkeit mangelhaft. Ein dem strategischen Bombenkrieg vergleichbares Ergebnis durch gezieltes Ausschalten bestimmter Industriezweige oder Zerstörung wichtiger Verkehrswege war mit dem A4 nicht möglich.

Die strategischen Überlegungen konzentrierten sich daher auf die psychologischen Folgen eines massenhaften Einsatzes. Die britische Zivilbevölkerung sollte demoralisiert und ihr Widerstandswille gebrochen, das deutsche Volk hingegen im Glauben an den "Endsieg" gestärkt werden. Die ungefähr 3.200 abgeschossenen A4 töteten rund 5.000 Menschen. Wenn man dieses militärische Ergebnis mit dem rüstungwirtschaftlichen Aufwand vergleicht, kann das Urteil nur vernichtend sein.

Die wahre militärische Bedeutung der Rakete wurde offenbar, als sie später mit der Atombombe, der zweiten bahnbrechenden Waffenentwicklung des Zweiten Weltkrieges, bestückt werden konnte. Seitdem halten die atomare Abschreckung und das atomare Gleichgewicht die Welt in Atem und relativem Frieden.

V2 Rakete - Düse

Antrieb der V-2-Rakete:

Die deutsche V-2 des Zweiten Weltkriegs war mit dem bis dahin größten und stärksten Raketentriebwerk ausgestattet. Für die 1940er Jahre sehr fortschrittlich, ebnete es den Weg für leistungsstärkere Raketen, die in den 1950er Jahren und später entwickelt wurden. Zwei kritische Triebwerksteile – die Turbopumpenbaugruppe und die Schubkammer – sind Bestandteile des kompletten Triebwerks.

Turbopumpeneinheit:

Große Flüssigkeitsraketentriebwerke erfordern, dass große Mengen an Treibmitteln schnell und unter hohem Druck in die Brennkammer eingespeist werden. Dies wurde beim V-2 durch die Verwendung von Hochgeschwindigkeits-Gasturbinenpumpen oder Turbopumpen erreicht. Diese Pumpen – eine zum Transport von flüssigem Sauerstoff, die andere zum Transport von Alkohol – waren dampfbetrieben. Der Dampfdruck entstand durch die chemische Reaktion der Kombination zweier Flüssigkeiten, Natriumpermanganat (Tank A) und Wasserstoffperoxid (Tank B). Die Turbine leistete 580 PS und drehte die Pumpen mit etwa 3.800 Umdrehungen pro Minute. Der ausgestellte Ausschnitt zeigt einige der beweglichen Teile der Pumpen. Die Turbopumpen drückten jede Sekunde 58 kg Alkohol und 72 kg flüssigen Sauerstoff in die Brennkammer des V-2.

Hochgeschwindigkeits-Turbopumpen sind seit vielen Jahrzehnten wichtige Raketentriebwerksausrüstungen, und selbst die neuesten Raketen verwenden sie. Die Haupttriebwerke des Space Shuttles verwenden beispielsweise Turbopumpen, die bis zu 440 kg flüssigen Sauerstoff und 73,5 kg flüssigen Wasserstoff pro Sekunde liefern.

Schubkammer:

Eine weitere wichtige Komponente der V-2 Rakete war seine Schubkammer, die 3 wichtige Merkmale aufwies: sein Treibmittel-Mischsystem, seine Kühlmethode und seine Form.

Mischen:
Die Zwillingsturbopumpen pressen Alkohol und flüssigen Sauerstoff durch kleine Düsen unter hohem Druck in Mischbecher oben in der Kammer. Diese innovativen Düsen versprühten einen Nebel aus winzigen Tröpfchen, wodurch die Mischung effizient und mit enormer Kraft schnell verbrennt.

V-2 Rakete - Grafik

Kühlung:
Die Temperatur in der Schubkammer betrug etwa 2.649 Grad Celsius, heiß genug, um Stahl zu schmelzen. Die Kühlung der Kammer war daher entscheidend, um zu verhindern, dass sich der Motor selbst zerstört. Die Konstrukteure des V-2 verwendeten zwei Methoden zur Kühlung des Motors: regenerative Kühlung und Filmkühlung. Die regenerative Kühlung verwendete den Wasser / Ethylalkohol-Kraftstoff der Rakete, um überschüssige Wärme abzuführen. Diese Flüssigkeit zirkulierte zwischen den Doppelwänden der Schubkammer und kühlte sie, bevor sie durch die Einspritzdüsen gedrückt wurde. Gleichzeitig nutzte die Filmkühlung eine dünne Alkoholschicht, um die Innenwände der Kammer zu kühlen. Dieser Alkoholfilm wurde durch kleine Löcher in der Kammerwand injiziert und bildete eine Barriere zwischen der Flamme der Rakete und der Kammerstruktur.

Regenerative und Filmkühlung wurden bei späteren Raketen mit großem Erfolg eingesetzt. Die massiven Apollo-Mondraketentriebwerke, die Haupttriebwerke des Space-Shuttle-Orbiters und viele Flüssigkeitsraketentriebwerke der Air Force verließen sich auf diese grundlegenden Techniken, als die Raketenleistung in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zunahm.

Form:
Die kurze, runde Form der Kammer machte den Motor effizienter als ältere Konstruktionen, die länger und dünner waren. Der runde obere Teil mischte und verbrannte Treibstoffe effektiv, und die breite Öffnung am Boden ermöglichte es, schnell expandierende Gase mit minimaler Reibung zu entweichen. Eine sorgfältige Gestaltung von Schubkammern ist für Flüssigkeitsraketentriebwerke wichtig, da die Leistung und Stabilität der Kraftstoffverbrennung weitgehend von der Form und Größe der Kammer abhängt.

V2 Rakete - Feldbahn-Rollbock

Fertigung, Einsätze und Verbleib der V2 Rakete nach dem Krieg:

Das Aggregat A4 (V2 = Vergeltungswaffe 2) wurde ab 1944 in einem unterirdischen Montagekomplex im Kohnstein nahe Nordhausen zusammengebaut. Insgesamt wurden während des 2. Weltkriegs 5.975 Raketen von Zwangsarbeitern und deutschen Zivilbeschäftigten aus tausenden Einzelteilen zusammengebaut. Für das hochtechnologische Projekt wurden spezialisierte, inhaftierte Facharbeiter und Ingenieure aus dem gesamten Reichsgebiet und den besetzen Staaten gezielt ausgewählt. Obwohl viele von ihnen einer handwerklichen Prüfung unterzogen und erst danach in den Kohnstein verschleppt wurden, bot man ihnen dort keine besseren Arbeits- und Haftbedingungen als in anderen Konzentrationslagern. Vielmehr konnten sie sicher sein, dass sie wegen ihrer Einblicke in dieses Staatsgeheimnis das Lager nicht mehr lebend freilassen würden.

Dennoch kam es immer wieder zu Sabotageakten, die allerdings die Fertigung der Rakete nie ernstlich behinderten. Bei der Endabnahme erwies sich jede zweite Rakete als nicht voll funktionstüchtig und musste nachgebessert werden. Dies lag jedoch in erster Linie daran, dass die Ingenieure fast täglich aus Peenemünde bauliche Änderungen vorgaben, die den laufenden Produktionsprozess erheblich beeinträchtigten.

Im Zusammenhang mit dem Ausbau von Kohnstein und der anschließenden Fertigung der V2-Rakete sowie der Flugbombe V1 und von Teilen der Messerschmitt Me 262 kamen nach offizieller Zählung in den SS-Akten sogar 12.000 Zwangsarbeiter ums Leben. Dem stehen ca. 8.000 Opfer durch den Einsatz der Waffe gegenüber, in der Hauptsache Zivilisten. Demnach sind mehr Häftlinge bei der Produktion der Waffe ums Leben gekommen als bei ihrem Einsatz. Es hat keine andere Waffe gegeben, die schon in der Produktion so viele Menschenleben gefordert hat.

Fertigungsstätten für Teile der A4 waren über ganz Deutschland und Österreich verstreut: Im Lager Rebstock bei Dernau an der Ahr wurden in ehemaligen Regierungsbunkern Bodenanlagen und Fahrzeuge für die Rakete produziert. Weitere Beispiele sind die Firmen Gustav Schmale in Lüdenscheid, wo Teile der Brennkammer gefertigt wurden und die Hagener Accumulatoren Fabrik AG, wo die speziellen Akkumulatoren gefertigt wurden.

Mit Sprengköpfen bestückt, wurden mit der “V1” von mobilen Startrampen aus ab September 1944 englische und belgische Städte bombardiert, vor allem London und Antwerpen. Zwar war die Treffergenauigkeit gering, aber die plötzlichen Einschläge ohne Vorwarnung hatten vor allem psychologische Wirkung auf die Zivilbevölkerung, wenn auch weniger als die der Fieseler Fi 103 (V1). Während es bei Angriffen der V1 noch Fliegeralarm gab und jeder wusste, dass die Rakete sehr schwer abzufangen war, gab es bei der A4 nur eine plötzliche Explosion ohne Vorwarnung.

Insgesamt kamen etwa 3.200 Raketen zum Einsatz. Wenn man davon ausgeht, dass “nur” etwa 8000 Personen durch deren Detonation direkt ums Leben kamen (Verletzte nicht gerechnet), ergibt sich, dass lediglich 2,5 Menschen pro Rakete ums Leben kamen. Deutlicher kann man den Wahsinn der NS-Ideologie, der zum Bau der sog. “Wunderwaffe” führte, nicht entlarven. Eine “Kugel” wäre billiger und “effizienter” gewesen.
 

Air and Space Museum Washington D.C.

V2 Rakete im Air and Space Museum

Von den abgeschossenen Raketen gingen alleine in London ca. 1.360 nieder und in Antwerpen 1.610. Hauptsächlich von Den Haag aus wurden 1.039 Raketen abgeschossen, vor allem auf London gerichtet. Bei einem alliierten Luftangriff auf die Abschußrampen am 3. März 1945 kamen 510 Menschen ums Leben. Die letzte Rakete im Kampfeinsatz soll am 27. März 1945 von den Deutschen abgeschossen worden sein.

Am 2. Mai 1945 stellte sich von Braun der US-Armee und wurde zusammen mit anderen Wissenschaftlern aus seinem Team in die USA geschickt (Operation Paperclip).

Etwa 100 Beuteexemplare der V2 wurden noch vor dem Einmarsch der Roten Armee von US-Truppen in Nordhausen demontiert und in die USA verfrachtet. Sie bildeten den Grundstock der Raumfahrtentwicklungen in den USA. Die Übersiedlung der führenden Raketentechniker ab Sommer 1945 in die USA lief im Rahmen der geheimen Operation Overcast.

In Huntsville, Alabama wurde ein neues Raketenzentrum gegründet, und zusammen mit den deutschen Wissenschaftlern wurden hier auf dem Testgelände insgesamt 67 A4-Raketen abgefeuert. Sie bildeten den Grundstock für die späteren Saturn-Mondraketen, an deren Entwicklung Werner v. Braun maßgeblich beteiligt war.

Ebenso wurde von der UdSSR eine große Anzahl von deutschen Wissenschaftlern und die Reste der Raketentechnik in die Sowjetunion gebracht, um dort ebenfalls den Grundstock für spätere Entwicklungen zu bilden. Allerdings waren es primär praktisch orientierte Techniker. Die wissenschaftliche Elite zog es vor, in US-Gefangenschaft zu gehen. Die sowjetische R-1 Rakete war der direkte Nachbau der A4. Sie wurde erstmals 1947 vom Testgelände Kapustin Jar gestartet.

V2 Rakete - Meillerwagen

V-2 mit Meillerwagen: (Transportanhänger und Abschussrampe)

Die deutsche Wehrmacht entwickelte die V-2, auch als A4-Rakete bekannt, als Alternative zur Super-Langstrecken-Artillerie, die der Vertrag von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg verbot. Entworfen vom Raketenpionier Wernher von Braun, der V-2 war ein Durchbruch in der Raketentechnologie, konnte aber Deutschlands Niederlage im Zweiten Weltkrieg nicht verhindern. Die Rakete war ungenau, was sie zu einer schwachen Militärwaffe, aber zu einem effektiven Terrorgerät machte. Obwohl die Rakete zerstörerisch war und im letzten Kriegsjahr fast 3.000 Menschen in England und wahrscheinlich noch mehr in Belgien tötete, konnte das deutsche Zwangsarbeitssystem nicht genug V-2 produzieren, um den Ausgang des Krieges zu beeinflussen. In jedem Fall konnte die vergleichsweise geringe Kraft der V-2-Angriffe nicht mit der massiven Wirkung der strategischen Bombenangriffe der Alliierten mithalten. Nach dem Krieg wurden das deutsche Raketenteam und viele erbeutete Raketen in die Vereinigten Staaten gebracht, wo die V-2-Technologie dazu beitrug, die technologische Basis für die bemannte Raumfahrt und fortschrittliche strategische Raketen aufzubauen.

V-2-Raketenoperationen:

Die V-2 war die erste moderne ballistische Rakete. Der Betrieb war komplex und erforderte spezielle Transport- und Startausrüstung. Anders als die von der Luftwaffe betriebene fliegende Bombe V-1 betrieb die deutsche Armee die V-2-Rakete. Das Aufstellen, Warten und Starten einer V-2 dauerte vier bis sechs Stunden und erforderte etwa 32 verschiedene Anhänger und Fahrzeuge, die Kraftstoff, Batterien, Pumpen, Ersatzteile, Funkgeräte und andere Ausrüstung transportieren. Die gesamte Operation erforderte Hunderte von Soldaten, wobei allein das Startteam mehr als 100 Personen benötigte, um die Rakete zu warten und zu testen, den Standort zu vermessen, die Unterstützungsausrüstung zu betreiben und den Prozess zu befehlen. Insgesamt widmeten sich mehr als 10.000 Menschen und 3.000 Fahrzeuge den V-2-Aktivitäten.

Nach dem Schienentransport in die Startumgebung wurden die Raketen von großen Mobilkränen auf Anhänger geladen, die sie zum eigentlichen Startplatz brachten. Der ausgestellte V-2 im U.S. Air Force Museum befindet sich auf einem solchen Anhänger, Meillerwagen genannt.

Die besten Startplätze waren flache, bewaldete Gebiete mit Lichtungen, die groß genug waren, um die Rakete zu steuern, und mit Boden oder Pflaster, das fest genug war, um sie zu halten. Am Startplatz hoben Besatzungen die Rakete mit dem Meillerwagen senkrecht nach oben und betankten sie dann mit Alkohol und flüssigem Sauerstoff. Nach mehreren Tests und Anpassungen konnte die Rakete aus der Sicherheit eines gepanzerten Steuerwagens in einiger Entfernung abgefeuert werden. Das Raketentriebwerk der V-2 brannte etwa eine Minute lang. Die Rakete setzte dann ihre ballistische, antriebslose Flugbahn zu ihrem Ziel fort. Während ihres Fluges erreichte die V-2 eine Höhe von ca. 80 km und ihre Höchstgeschwindigkeit lag bei etwa 5.470 km/h.

Einmal gestartet, konnte die V-2 nicht gestoppt werden – sie war zu schnell und flog zu hoch. Da die V-2 mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit ankam, konnte es keine Warnung vor ihrer Annäherung geben. Die Raketen schlugen ein, bevor der von ihnen erzeugte Überschallknall zu hören war. Die Bemühungen der Alliierten, solche Raketenangriffe zu verhindern, hingen davon ab, Produktionsanlagen zu bombardieren und den Schienenverkehr mit Jägern anzugreifen. Die alliierte Luftwaffe zerstörte viele V-2, bevor sie die Startplätze erreichten.

Deutschland produzierte zwischen 1944 und 1945 fast 6.000 V-2. Wie die V-1 war auch die V-2 ungenau. Es konnte nur auf ein großes Gebiet wie eine Stadt gerichtet werden. Zusammen verfehlten V-1 und V-2 ihre Zielpunkte um durchschnittlich mehr als 14 km. Der erste betriebsbereite V-2-Start fand am 8. September 1944 und der letzte am 30. März 1945 statt. Während dieses Zeitraums von sieben Monaten trafen 1.115 V-2s England und 1.524 fielen auf Kontinentaleuropa. Viele V-2 brachen auseinander oder explodierten in der Luft, und rund 15 Prozent wurden aufgrund von Bodenstörungen nie gestartet. Der durch die Raketen in England angerichtete Gesamtschaden umfasste 2.754 Tote und 6.523 Schwerverwundete. Zu den schlimmsten V-2-Angriffen gehörten die Zerstörung eines Kinos in Antwerpen (561 Tote) und ein Aufprall auf eine überfüllte Straße in Antwerpen, bei dem 128 Menschen getötet wurden.

V2-Rakete - Air and Space Museum
Aggregat 4 - Schubantrieb
Aggregat 4 - Querschnitt
V2 Turbopumpe
V2 - Startwagen

Wernher von Braun: Konstrukteur der Rakete

Wernher von Braun war als deutscher und später US-amerikanischer Raketentechniker ein Wegbereiter der Raketenwaffen und der Raumfahrt.

Wegen seiner Pionierleistungen als führender Konstrukteur der ersten funktionstüchtigen und leistungsstarken Flüssigkeitsrakete Aggregat 4 („V2“) sowie der späteren leitenden Tätigkeit beim Bau von Trägerraketen für die NASA-Missionen genoss er lange Zeit hohes Ansehen .In den letzten Jahrzehnten wurde jedoch immer mehr über seine Aktivitäten in der Zeit des Nationalsozialismus bekannt.

Am 12. November 1937 beantragte Wernher von Braun seine Aufnahme in die NSDAP. Am 1. Mai 1940 wurde von Braun Mitglied der SS. Die Beförderung zum SS-Sturmbannführer erfolgte am 28. Juni 1943. Bei einem dieser Werbebesuche von Brauns im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen verlieh ihm Hitler persönlich den Professorentitel.

Im Februar 1944 wurde von Braun bei Heinrich Himmler vorgeladen. Dieser wollte sich Einfluss über das A4 sichern, was von Braun jedoch zurückwies. In der Nacht vom 21. auf den 22. März 1944 verhaftete ihn die Gestapo deshalb auf Betreiben Himmlers zusammen mit Helmut Gröttrup, Klaus Riedel und seinem Bruder Magnus. Man warf ihnen Verrat und Wehrkraftzersetzung vor, Wernher von Braun außerdem Vorbereitungen zur Flucht nach England. Allen drohte die Todesstrafe. Nur ihre besondere Bedeutung im Raketenprogramm ließ sie nach Intervention Dornbergers bei Wilhelm Keitel sowie durch den HVP-Abwehrbeauftragten Major Hans Georg Klamroth bei Albert Speer unter Einschaltung von Hitler wieder freikommen.

Mit der Entwicklung des Aggregats 4 hatte er eine Waffe geschaffen, die mit bisher unerreichter Reichweite und Geschwindigkeit eine Tonne Sprengstoff ans Ziel brachte. Die Zielgenauigkeit war allerdings so gering, dass sie sich primär nur als Terrorwaffe gegen die Zivilbevölkerung eignete. Dies führte später zu schweren Vorwürfen gegen von Braun, da diese Tatsache ihm bereits während der Entwicklung hätte bewusst gewesen sein müssen. Dennoch führte er nicht nur die Arbeit fort, sondern warb weiterhin massiv für das Potenzial von Rakete.

Wernher von Braun und sein Team wurden offiziell im Oktober 1959 der NASA überstellt. Bereits vorher war die Entscheidung zum Bau der Saturn-Rakete (der späteren Saturn I) gefallen. Außerdem wurde das Mercury-Programm vorangetrieben, das erstmals den Flug eines Astronauten in den Weltraum ermöglichen sollte. In den nächsten Jahren wurde die Entwicklung beschleunigt und das Mercury-Programm vom Gemini abgelöst. Schließlich arbeiteten bis zu 400.000 Menschen am Apollo-Programm. Zwei Jahre vor dem von Kennedy gesetzten Termin startete 1967 die unter von Brauns Leitung entwickelte Saturn mit Apollo 4 zu ihrem Erstflug. Der zweite bemannte Start im Folgejahr (Apollo 8) war gleichzeitig der erste Flug von Menschen in den Mondorbit.

Von Brauns größter Erfolg und die Erfüllung langjähriger Träume wurde die bemannte Mondlandung im Jahr 1969.

Wernher von Braun

 

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