Militärhistorisches Museum der Bundeswehr
- Luftwaffenmuseum Gatow -

Das größte Flugzeugmuseum in Deutschland

 

Pershing 1A Atomrakete: ballistische Atomrakete zur Zeit des Kalten Krieges aus US-amerikanischer Produktion (Atomwaffe MGM-31A)

Die Pershing IA war eine Kurzstreckenrakete mit einer Reichweite von ca. 740 km. Die zweistufige, feststoffgetriebene, eigengelenkte Rakete hatte ein Trägheitsnavigationssystem auf Basis eines sogenannten „Stable Table“. Dieses wurde durch Kreiselsysteme während des ganzen Fluges stabilisiert und ermöglichte dem Bordrechner so die laufende Ermittlung der Position sowie die genaue Einhaltung der Flugbahn bis zum Ziel. Dort erfolgte die Abtrennung des nuklearen W-50-Sprengkopfes.

Die Flugbahn wurde unmittelbar vor dem Start von einem Programmierstand am Boden in die „Guidance and Control Section“ des Flugkörpers eingespielt, und endete wenige Minuten nach dem Start mit Abstoßen des Gefechtskopfes, welcher auf einer ballistischen Bahn – mit Stabilisierung durch Eigenrotation – ins Ziel stürzte.

Der Flugkörper wurde Anfang der 1960er Jahre in den USA von der Martin Marietta Corporation als Ersatz für die SSM-A-14 Redstone Rakete entwickelt. Ab Mitte der 1960er Jahre gingen 79 Stück an die Bundesrepublik Deutschland und weitere 169 an die USA. Pershing I waren auch in Südkorea stationiert. Die Ausbildung für Pershing I/IA wurde in Fort Sill / Oklahoma für die Bundeswehr durchgeführt. Im Gegensatz zum Nachfolgemodell Pershing II waren die Pershing I und IA rein ballistische Waffen.

Technische Daten:

NATO-Codename

MGM-31A Pershing I

MGM-31B Pershing II

Länge

10,55 m

10,61 m

Rumpfdurchmesser

1.020 mm

1.036 mm

Startgewicht

4.600 kg

7.400 kg

Sprengkopf

1 x MIRV vom Typ W50 mit 60, 200 oder 400 kT

1 MARV vom Typ W85 mit 5 bis 80 kT (variabel)

Einsatzreichweite

740 km

1.770 km

Steuerung

Trägheitsnavigationsplattform

Trägheitsnavigationsplattform plus aktive Radarzielsuche

Treffergenauigkeit (CEP)

150 bis 300 m

50 bis 100 m

Die Luftwaffe der Bundeswehr verfügte mehr als ein Vierteljahrhundert über zwei voll mobile PERSHING-Verbände: Flugkörpergeschwader 1 in LANDSBERG und Flugkörpergeschwader 2 in GEILENKIRCHEN. Die Geschwader waren seit Anfang der 1970er Jahre der NATO unterstellt. Politisch wurden sie als Beitrag zur nuklearen Abschreckung betrachtet.

Die hier ausgestellten PERSHING System-Komponenten stammen aus dem Bestand des Flugkörpergeschwaders 2. Das Flugkörpergeschwader 1 hat ein Waffensystem für ein anderes Museum zur Verfügung gestellt.

Die Flugkörperverbande waren ab Mitte der 1960er Jahre zunächst mit dem Waffensystem PERSHING 1 ausgerüstet. Seinerzeit waren die Waffensystem-Komponenten noch auf Kettenfahrzeugen montiert. Mit der Übernahme der grundlegend modernisierten Version PERSHING 1a ab 1971 erfolgte unter anderem auch die Umrüstung auf Radfahrzeuge. Dies verbesserte die Mobilität beträchtlich. Etwa zeitgleich wurden beide Flugkörpergeschwader umgegliedert, personell und materiell einem erheblich erweiterten Auftragsumfang angepaßt. Eine Reihe von Modifizierungen hatte beachtliche Fortschritte hinsichtlich der Reaktionszeiten und der Treffgenauigkeit zur Folge. So gelangte beispielsweise ein neuer Schaltverteiler zum Einsatz, der das gleichzeitige Ankabeln von drei Startlafetten an einen Programmier- und Prüfstand und (erforderlichenfalls) auch das sequentielle Abfeuern der drei Flugkörper ohne Umkabeln ermöglichte.

Als nukleares Trägermittel mußte das Waffensystem regelmäßig technisch zertifiziert werden. Hierzu wurden unter anderem sogenannte “Jahresschießen” in den USA durchgeführt, die planmäßig alle schießenden Teileinheiten absolvieren mußten. So wurden unter akribischer Kontrolle von US-Dienststellen auf der “Mc GREGOR RANGE” bis 1988 Flugkörper von deutschen PERSHING-Einheiten gestartet.

Die bodengestützten, nuklearen PERSHING-Verbände der Luftwaffe mit je 36 Flugkörpern waren der NATO unterstellt. Im Verteidigungsfall waren sie für den Einsatz im Rahmen der NATO-Strategie “FLEXIBLE RESPONSE” vorgesehen. Ein bestimmter Prozentsatz dieser Kräfte wurde ständig in sogenannten “Sofortbereitschafts-Stellungen” einsatzbereit geholten. Sie konnten in kürzester Zeit auf einen NATO-Einsatzbefehl reagieren. In den beiden deutschen Sofortbereitschaftsstellungen wurden bis 1986 regelmäßig jeweils neun Flugkörper auf Abschußplattformen feuerbereit gehalten. Die nuklearen Gefechtsköpfe blieben dabei jedoch unter Kontrolle des zugeordneten US-Truppenteils.

Für die Freigabe eines Flugkörpers zum Abschuß waren außerordentlich strenge Verfahren zu befolgen. Deren buchstabengetreue Einhaltung wurde ständig geübt und akribisch überprüft. Die Flugkörperverbände wurden zudem jährlich von der NATO hinsichtlich ihrer taktischen Einsatzfähigkeit überprüft. Überdies vergewisserten sich die US-Streitkräfte regelmäßig, daß die straffen Sicherheitsmaßregeln für den Umgang mit den Gefechtsköpfen gewährleistet blieben.

Neben den beiden deutschen PERSHING-Verbänden (Luftwaffe) waren noch drei US PERSHING-Verbände (Heer) auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland stationiert. Diese US-Verbände wurden nach dem NATO-Doppelbeschluss von 1979 mit dem leistungsfähigeren Waffensystem PERSHING 2 ab 1983 ausgestattet. Dieser Doppelbeschluss erfolgte als Reaktion der Einführung der SS-20 Raketen des Warschauer Paktes und führte seinerzeit weltweit zu heftigen Protesten.

Die aus der Nachrüstung resultierenden Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und der UdSSR führten schließlich 1987 zu einer vertraglichen Vereinbarung über eine ausgewogene Reduzierung vergleichbarer amerikanischer und sowjetischer Mittelstrecken-Raketensysteme (INF-Vertrag).

Die Bundesrepublik Deutschland schloß sich noch 1987 dieser vertraglichen Regelung an, stellte die eigenen Flugkörper-Verbände PERSHING im Oktober 1990 außer Dienst und vernichtete die Waffensysteme bis auf wenige Ausstellungsstücke.

In Deutschland ist von den Pershing-Raketen primär der Typ Pershing II durch den NATO-Doppelbeschluss bekannt geworden. Gegen dessen Stationierung protestierte die westdeutsche Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre.

 

Copyright © Flugzeuglexikon von Wolfgang Bredow

 

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